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Ilfeld

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Das Ilfelder Karzerbuch (1857-1865)

1546 gründete Thomas Stange, der letzte Abt des im Zuge der Reformation aufgehobenen Prämonstratenserklosters Ilfeld eine Klosterschule, die bis Ende des Zweiten Weltkriegs Bestand hatte und zu den bedeutendsten pädagogischen Einrichtungen der Region gehörte. Landesherren waren zunächst die Grafen zu Stolberg, die die Aufsicht jedoch 1632 nach einem längeren Rechsstreit an die Welfen verloren. Seit 1737 war die Anstalt eng mit der neu gegründeten Universität Göttingen verbunden, eine Art Vorschule für die Universitätslaufbahn gewissermaßen, eine Kaderschmiede für Adel und bürgerlichen Führungsschichten des südhannoverschen Raums, die den Nachwuchs für Beamtenschaft und Militär des Kurfürstentums und späteren Königreichs Hannover heranzog.

Das Ilfelder Karzerbuch (1857-1865)

1546 gründete Thomas Stange, der letzte Abt des im Zuge der Reformation aufgehobenen Prämonstratenserklosters Ilfeld eine Klosterschule, die bis Ende des Zweiten Weltkriegs Bestand hatte und zu den bedeutendsten pädagogischen Einrichtungen der Region gehörte. Landesherren waren zunächst die Grafen zu Stolberg, die die Aufsicht jedoch 1632 nach einem längeren Rechsstreit an die Welfen verloren. Seit 1737 war die Anstalt eng mit der neu gegründeten Universität Göttingen verbunden, eine Art Vorschule für die Universitätslaufbahn gewissermaßen, eine Kaderschmiede für Adel und bürgerlichen Führungsschichten des südhannoverschen Raums, die den Nachwuchs für Beamtenschaft und Militär des Kurfürstentums und späteren Königreichs Hannover heranzog.

Stift und Klosterschule wurden 1823 als Sondervermögen in die Verwaltung der Klosterkammer Hannover überführt. An die Stelle der alten Klostergemäuer traten 1859 neue, moderne Schulgebäude. Mit dem Ende des Königreichs Hannover ging die Anstalt 1866 in preußische Obhut über. Sie pflegte einen regen Austausch mit anderen mitteldeutschen Internatsschulen, insbesondere auch dem in Geschichte und Bedeutung vergleichbaren Schulpforta. Ab 1934 war in Ilfeld eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) untergebracht. 1944 wurde der Schulbetrieb – zuletzt nach Ballenstedt ausgelagert – eingestellt und nach Kriegsende nicht wieder aufgenommen. In die Schulgebäude zog das Klinikum der Stadt Nordhausen ein. Nach der Wende gab es Bemühungen um eine Wiederbelebung der schulischen Tradition – leider vergeblich.

Das Kösener Archiv erhielt kürzlich als Neuzugang ein „Karzerbuch“ der Klosterschule. Der kleine leinengebundene Band im Format 16,5 x 10 cm enthält ca. 60 beschriebene Blätter mit Eintragungen aus den Jahren 1857 bis 1865, in denen die zu Karzerstrafen „verurteilten“ Schüler in Prosa und Versform mehr oder weniger kunstvoll den Grund für ihre Bestrafung eintrugen. Die Einträge sind mit den poetischen Wandgraffitti in vielen Universitätskarzern zu vergleichen. Dass als Grund für den Aufenthalt im Karzer häufig Alkohol im Spiel war, muss wohl nicht weiter betont werden ("Besoffen kam ich hierher, | Besoffen geh ich weg, | Doch kriegt ich einen Jammer, | Das wär verfluchtes Pech."). Auch der Aufenthalt im Karzer selbst war meist recht fidel, wenigstens aber erholsam ("Im Carcer ganz bequemlich, | Sitz ich bei Taback, Bier, | Jung! Brüder, seid nicht grämlich | Bezieht Ihr mein Quartier!"). Manche Gedichte nehmen Bezug auf damals bekanntes Liedgut oder Gedichte der Klassiker, so auf das Lieder der Deutschen, das Andreas-Hofer-Lied, Wedekinds „Krambambuli“, Schillers „Bürgschaft“ oder das Lied „An die Freude.“ Der Karzer selbst wird (aus bislang unbekanntem Grund) als „Leipzig“ oder „Leipzigs [heilige] Hallen“, davon abgeleitet auch „Lipsia“ bezeichnet. Offenbar verstanden sich die Insassen als eine verbindungsähnliche verschworene Gemeinschaft. Der Name Lipsia erscheint in den jüngeren Einträgen auch mit Zirkel; daneben – gleichfalls mit Zirkel – auch eine Huldigung an eine Cerevisia. Ob man tatsächlich von korporativen Zusammenschlüssen sprechen kann, sei mangels anderer Quellen vorerst dahingestellt. Sicher ist, dass regelmäßige Kneipereien stattfanden, teilweise auf den Stuben, teilweise in benachbarten Ortschaften wie Niedersachswerfen („Es war Sonntag [...], als wir zu ca. 14 Mann nach Saxwerfen zogen, um des Biers in Uebermaß zu genießen. In Ausführung dieses Vorsatzes zeichnete sich vornehmlich meine Wenigkeit aus. Als die Kneipe aufgehoben war, wußte ich schon nicht mehr, daß überhaupt eine ihre Existenz gehabt hatte."), alles in allem aber wohl eher formlos.

Die Namen der Eintragenden spiegeln einen Querschnitt durch die Gesamtschülerschaft wieder. Die Klosterschule umfasste damals nur vier Jahrgänge: Tertia, Untersekunda, Obersekunda und Prima. Von den 51 Zöglingen des Jahres 1860 sind vierzehn, also über ein Viertel, im Buch als Karzerinsassen verzeichnet. Darunter finden sich viele Namen (süd-)hannoverscher Adelsgeschlechter wie v. Hammerstein, v. der Schulenburg, v. Klencke, v. Uslar-Gleichen, v. Oldershausen, Götz v. Olenhusen und v. Stralenheim. Für einige Schüler lässt sich der weitere Lebensweg grob nachzeichnen. Oft übernahmen sie später die Bewirtschaftung der Familiengüter; manche traten vorher in den hannoverschen bzw. preußischen Militärdienst. Drei studierten Theologie und traten in den geistlichen Stand. Wirklich „prominente“ Persönlichkeiten ließen sich bisher nicht feststellen, falls man dazu nicht die beiden Reichstagsabgeordneten Cuno v. Oldershausen und Carl Götz v. Olenhusen rechnen möchte.

Für das Kösener Archiv ist das Buch nicht nur unter allgemein schul-/studentengeschichtlichen Aspekten von Belang, sondern auch dadurch, dass dass von den eintragenden Schülern einige später bei Kösener Corps aktiv wurden. Nachgewiesen sind bislang:

  • Guiscard Graf Hue de Grais (1840-1920), Saxo-Borussia
  • Heino Freiherr v. Hammerstein (1844-1914), Vandalia Heidelberg
  • Emil Rübesame († 1906), Onoldia
  • Otto Marschalck v. Bachtenbrock (1846-1908), Vandalia Heidelberg, Bremensia
  • Friedrich Graf v. der Schulenburg-Hehlen († 1887), Bremensia, Franconia Jena
  • Rudolf v. Schwanewede (1846-1868), Bremensia
  • Alexander Freiherr v. der Schulenburg-Altendorf († 1883), Bremensia

Somit ist das Buch für das Archiv in zweifacher Hinsicht eine Bereicherung: Es ist ein Zeugnis schulischer Alltagsgeschichte, das auch einen kleinen Einblick in die Adaption studentischen Brauchtums durch die Schüler der Klosterschule gibt, und es bietet Ansätze zur biographischen Forschung, sowohl der Schüler als auch der Lehrer, die oft namentlich erwähnt und (aus Schülerperspektive natürlich) charakterisiert werden.